Pekings unmögliche Wahl
Warum China in der Hormus-Krise keine neutrale Großmacht sein kann
Der Wasserhahn
Im Hafen von Ningbo-Zhoushan, dem größten Frachthafen der Welt, legen an einem durchschnittlichen Tag mehrere Supertanker an. Jeder einzelne trägt zwei Millionen Barrel Rohöl in seinen Bäuchen, und die meisten von ihnen haben auf ihrer Reise eine Wasserstraße passiert, die schmaler ist als manche Flussmündung: die Straße von Hormus. Das ist Alltag. So alltäglich, dass in Pekings Energieministerien niemand mehr darüber spricht, solange die Tanker pünktlich ankommen.
China importiert rund 70 Prozent seines Öls. Etwa 40 Prozent dieser Importe nehmen den Weg durch Hormus, jene gut 33 Kilometer breite Meerenge zwischen Iran und Oman, durch die an normalen Tagen mehr als hundert Schiffe passieren. Sechzehn Millionen Barrel verbraucht das Land jeden Tag, und ein erheblicher Teil davon hängt an einer Passage, über die China keinerlei Kontrolle hat.
Das funktioniert. Es funktioniert seit Jahrzehnten, so zuverlässig wie ein Wasserhahn, den man aufdreht, ohne über die Leitung nachzudenken, die dahinter liegt. Bis jemand droht, den Hahn zuzudrehen. Als Donald Trump Iran ein 48-Stunden-Ultimatum stellte und die Zerstörung iranischer Energieanlagen androhte, als Teheran mit der Schließung der Meerenge antwortete, mussten in Peking Planungsstäbe Szenarien durchrechnen, die sie seit Jahren in Schubladen aufbewahrt hatten. Was passiert, wenn der Wasserhahn nicht mehr funktioniert?
Die Antwort ist unbequemer, als es die offizielle Zurückhaltung Pekings vermuten lässt.
Kunde und Komplize
China ist Irans wichtigster Ölkunde. Das allein wäre noch eine nüchterne Handelsbeziehung, nicht anders als Deutschlands Gasgeschäft mit Russland es jahrelang war. Doch die Verbindung reicht tiefer. Im März 2021 unterzeichneten Peking und Teheran ein 25-Jahres-Kooperationsabkommen, das laut einem vorab veröffentlichten Entwurf Investitionen von bis zu 400 Milliarden Dollar vorsieht, davon einen erheblichen Teil im Energiesektor. Wie viel davon tatsächlich fließt, ist eine andere Frage: Bislang hat China laut Schätzungen des American Enterprise Institute in den vergangenen zehn Jahren weniger als zehn Milliarden Dollar in Iran investiert. Zwischen Absichtserklärung und Wirklichkeit liegt ein Graben, den beide Seiten nicht gerne vermessen.
Und doch kauft China iranisches Öl, geschätzt knapp anderthalb Millionen Barrel pro Tag, und ein großer Teil davon fließt über jene Schattenwege, die internationale Sanktionen eigentlich unterbinden sollen: umflaggierte Tanker, abgeschaltete Ortungssysteme, Schiff-zu-Schiff-Transfers auf offener See, und am Ende die unabhängigen Raffinerien in der Provinz Shandong, die sogenannten Teapot-Raffinerien, die nach dem billigen iranischen Rohöl greifen.
Kann man gleichzeitig der wichtigste Kunde eines Landes sein und sich neutral nennen, wenn dieses Land in einen Konflikt gerät? Kann man Öl kaufen, das durch Sanktionsumgehung billiger wird, und dann Deeskalation fordern, wenn die Sanktionen verschärft werden sollen?
Partnerschaften, so könnte man meinen, setzen Augenhöhe voraus. Doch zwischen China und Iran herrscht eine Asymmetrie, die beide Seiten lieber verschweigen. Iran braucht China als Abnehmer, weil kaum ein anderes Land in diesem Umfang bereit ist, die Sanktionen zu unterlaufen. China braucht Iran als Lieferanten, weil günstiges Öl das Schmiermittel einer Volkswirtschaft ist, die sich gerade durch ihre schwierigste Wachstumsphase seit Jahrzehnten kämpft. Abhängigkeit auf beiden Seiten, aber nicht die gleiche Art von Abhängigkeit. Der eine braucht Geld, der andere braucht Energie. Und in einer Krise zeigt sich, wer wen mehr braucht.
Das Malakka-Dilemma
Es gibt einen Begriff in der chinesischen Sicherheitspolitik, der seit über zwanzig Jahren die strategische Planung durchzieht wie ein roter Faden. Im November 2003 sprach Hu Jintao auf einer Wirtschaftsarbeitskonferenz der Kommunistischen Partei erstmals vom Malakka-Dilemma, der Tatsache, dass rund 80 Prozent der chinesischen Ölimporte durch die Straße von Malakka passieren, jenen Engpass zwischen Malaysia und Sumatra, der von westlichen Marinen kontrolliert werden könnte.
Was damals als langfristiges Planungsproblem galt, hat sich zu einer doppelten Verwundbarkeit ausgewachsen. Denn Hormus und Malakka sind zwei Nadelöhre auf derselben Lieferkette. Das Öl aus dem Persischen Golf fließt durch Hormus, dann über den Indischen Ozean, dann durch Malakka nach China. Wer eines der beiden blockiert, unterbricht die Versorgung. Wer beide bedroht, macht Chinas Energieimporte zu einer strategischen Geisel.
Man muss sich das konkret vorstellen. In Singapur, dem Knotenpunkt zwischen diesen beiden Engpässen, liegt einer der größten Raffinerie-Hubs der Welt. Was in Hormus beginnt, wird in Singapur verarbeitet, raffiniert, weitergehandelt. Singapurs Rolle als Barometer der asiatischen Energiesicherheit hängt davon ab, dass beide Meerengen offen bleiben. Wenn Hormus sich verengt, spürt Singapur es sofort, und mit Singapur der gesamte südostasiatische Raum.
China hat in den letzten zwei Jahrzehnten die größte Marine Asiens aufgebaut. Die Volksbefreiungsarmee-Marine verfügt heute über mehr Schiffe als die US-Navy, wenn man nach Rumpfzahlen zählt. Aber militärische Präsenz am Südchinesischen Meer ist etwas anderes als die Fähigkeit, eine Meerenge am anderen Ende des Indischen Ozeans offenzuhalten. China kann weder Hormus noch Malakka sichern, ohne einen Konflikt auszulösen, den es sich nicht leisten kann. Die Marine ist groß, aber ihre Reichweite ist begrenzt, und jede Machtprojektion in den Persischen Golf wäre ein Signal, das Washington, Neu-Delhi und Tokio als Provokation lesen würden.
Was also bleibt?
Pipelines als Fluchtrouten
Die Antwort, die Peking seit zwei Jahrzehnten gibt, heißt Infrastruktur. Belt and Road, jenes gigantische Netzwerk aus Häfen, Straßen, Eisenbahnen und Pipelines, ist auch ein Versuch, sich aus der Seewege-Falle zu bauen.
Die Zahlen klingen zunächst eindrucksvoll. Die Myanmar-China-Pipeline, die vom Hafen Kyaukphyu am Golf von Bengalen nach Kunming in der Provinz Yunnan führt, hat eine Designkapazität von rund 440.000 Barrel pro Tag. Die Kasachstan-China-Pipeline, die zentralasiatisches Öl nach Xinjiang bringt, schafft insgesamt etwa 400.000 Barrel täglich. Aus Russland fließt über die ESPO-Pipeline und den Seeweg zunehmend mehr.
Aber dann rechnet man nach. 440.000 Barrel aus Myanmar, 400.000 aus Kasachstan, dazu die russischen Lieferungen, die allerdings primär den Nordosten des Landes versorgen. Zusammen decken diese Landrouten vielleicht ein Fünftel des chinesischen Importbedarfs. Was ist mit dem Rest? Der Rest fährt zur See. Durch Hormus. Durch Malakka.
Der China-Pakistan Economic Corridor, CPEC, sollte einen weiteren Ausweg schaffen: eine Pipeline vom Hafen Gwadar am Arabischen Meer durch Pakistan nach Westchina. Gwadar liegt östlich der Meerenge von Hormus, das Öl könnte den Engpass also umgehen. Aber die Pipeline wurde nie fertiggestellt. Sicherheitsbedenken in Belutschistan, Finanzierungsprobleme, politische Instabilität in Pakistan. Der Korridor existiert als Straße und teilweise als Eisenbahn, aber nicht als Pipeline.
Kann man eine Abhängigkeit wegbauen? Die Antwort, die sich aus zwei Jahrzehnten Belt and Road ablesen lässt, ist ernüchternd. Man kann sie verringern, man kann Alternativen schaffen, die in normalen Zeiten entlasten. Aber für den Krisenfall, für den Moment in dem es darauf ankommt, reichen die Pipelines nicht. Die See bleibt der einzige Weg, der die Mengen liefert, die China braucht.
Die strategische Reserve und ihre Grenzen
Was tut eine Nation, die weiß, dass ihre Versorgung verwundbar ist, aber die Verwundbarkeit nicht beseitigen kann? Sie legt Vorräte an.
China hat in den vergangenen fünfzehn Jahren eine der größten strategischen Ölreserven der Welt aufgebaut. Die genauen Zahlen behandelt Peking als Staatsgeheimnis, aber Schätzungen internationaler Analysten beziffern den Gesamtbestand aus staatlicher Reserve und kommerziellen Lagern auf mehr als eine Milliarde Barrel, manche Quellen sprechen von bis zu 1,5 Milliarden. Wie lange das reicht, hängt von Annahmen ab, die niemand gerne ausspricht: Fällt nur der Import durch Hormus weg oder aller Seehandel? Läuft die eigene Förderung weiter? Im günstigsten Szenario sprechen Analysten von mehreren Monaten. Zum Vergleich: Die strategische Reserve der USA liegt nach Jahren des Wiederaufbaus bei gut 400 Millionen Barrel.
Mehrere Monate. Das klingt nach einem Puffer, der Zeit kauft, nach einem Sicherheitsnetz, das den freien Fall bremst. Aber was sind ein paar Monate, wenn eine Blockade sich hinzieht? Was bedeutet ein Countdown für eine Volkswirtschaft, die jeden Tag 16 Millionen Barrel verbrennt, und deren Fabriken, Kraftwerke und Transportnetze auf stete Zufuhr angewiesen sind?
Vorräte sind eine merkwürdige Form der Absicherung. Sie lösen kein Problem. Sie verschieben es. Sie verwandeln eine akute Krise in eine Krise mit Ablaufuhr. Und sie verraten etwas über das System, das sie anlegt: Es hat die Bedrohung erkannt, aber keinen Weg gefunden, sie zu beseitigen. Die Lagerstätten an der Ostküste und im Landesinneren, in Zhenhai, Dalian, Huangdao und andernorts, sind eingelagerte Angst, auf Abruf verfügbar, aber endlich.
Pekings Schweigen
Als Donald Trump sein Ultimatum gegen Iran aussprach und dann wieder zurückzog, als die Ölmärkte nervös zuckten und Diplomaten in Genf und Muskat telefonierten, war aus Peking vor allem eines zu hören: fast nichts.
Das chinesische Außenministerium rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Es betonte die Bedeutung von Dialog und Verhandlungen. Es sagte nichts Konkretes, und das war kein Versäumnis, sondern Methode. Chinas diplomatisches Repertoire für Nahostkonflikte besteht seit Jahrzehnten aus einer einzigen Figur: strategische Ambiguität. Man positioniert sich nicht, weil jede Position einen Preis hat.
Würde China Iran öffentlich unterstützen, riskierte es eine Konfrontation mit Washington, die weit über Öl hinausginge. Würde China Iran öffentlich zur Öffnung der Meerenge drängen, gefährdete es die Partnerschaft mit seinem wichtigsten Sanktionsumgehungs-Lieferanten. Also schweigt Peking. Es enthält sich bei Resolutionen, es formuliert Appelle, die so allgemein sind, dass sie niemandem wehtun, und es wartet ab.
Aber ab welchem Punkt wird Schweigen zur Komplizenschaft? Wenn man der größte Kunde eines Landes ist, das eine globale Handelsroute blockiert, und man nichts tut, um die Blockade zu beenden, weil man von ebendiesem Land billiges Öl bezieht, dann ist das Schweigen keine Neutralität. Es ist eine Entscheidung, die sich als Nicht-Entscheidung tarnt.
Das wissen sie in Peking. Sie wissen auch, dass die Welt es weiß. Und sie rechnen darauf, dass die Krise vorübergeht, bevor die Frage beantwortet werden muss.
Die Frage die bleibt
Es gibt ein Wort, das in Pekings außenpolitischem Vokabular häufig vorkommt: Souveränität. Das Recht eines jeden Staates, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln, ohne Einmischung von außen. China beruft sich darauf, wenn es um Taiwan geht, um Hongkong, um Xinjiang.
Aber was bedeutet Souveränität für ein Land, dessen Wirtschaft jeden Tag von einer Meerenge abhängt, die ein anderes Land blockieren kann, deren Offenhaltung ein drittes Land mit seiner Marine garantiert, und durch die das Öl eines vierten Landes fließt, das man gegen den Willen der halben Welt kauft?
Im Hafen von Ningbo-Zhoushan legen heute Abend wieder Supertanker an. Routinemäßig. Geräuschlos. Der Wasserhahn läuft. Niemand in Peking spricht darüber. Noch nicht.
- EIA (US Energy Information Administration): China Country Analysis Brief, 2025
- IEA: World Energy Outlook 2025
- CSIS China Power Project: How is China's energy footprint changing?, 2025
- MERICS (Mercator Institute for China Studies): Chinas Energiesicherheit, 2024
- South China Morning Post: China-Iran 25-Year Cooperation Agreement, Berichterstattung 2021-2026
- Reuters: Iran oil exports und China strategic petroleum reserve, laufende Berichterstattung
- CNPC: Annual Report 2024
- Vortexa: China's crude import stress resistance in a Hormuz crisis, 2025
- Erickson, Andrew / Collins, Gabriel: "China's Oil Security Pipe Dream", Naval War College Review, 2010
- Hu Jintao, KPCh-Wirtschaftsarbeitskonferenz, November 2003 (Erstnennung "Malakka-Dilemma")
- American Enterprise Institute: China Global Investment Tracker
- Kpler / Ursa Space: China oil storage monitoring data, 2025
- US Department of Energy: SPR Quick Facts, 2026