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March 24, 2026· 10 min read

Drohen, zurückrudern, Sieg erklären: Trumps Verhandlungsmuster von TACO bis Hormus

Eine quellenbasierte Chronologie der Eskalations-Rückzugs-Zyklen und was sie über die Iran-Krise verraten

Am 23. März 2026 postete US-Präsident Donald Trump auf Truth Social, die USA und Iran hätten "very good and productive conversations regarding a complete and total resolution of our hostilities in the Middle East" geführt. Er wies das Verteidigungsministerium an, geplante Militärschläge gegen iranische Kraftwerke und Energieinfrastruktur für fünf Tage auszusetzen. Stunden zuvor hatte ein 48-Stunden-Ultimatum gegolten: Iran sollte die Straße von Hormus für die Schifffahrt öffnen oder mit der Zerstörung seiner Energieanlagen rechnen.

Iran widersprach sofort. Außenministeriumssprecher in Teheran erklärten, es gebe "keinen Dialog zwischen Teheran und Washington". Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf schrieb auf seinen Social-Media-Kanälen, es seien "keine Verhandlungen mit den USA geführt" worden. Die iranische Seite deutete Trumps Rückzug als Angst vor Irans Antwort.

Zwei Aussagen, die einander widersprechen. Keine davon ist unabhängig verifizierbar. Dieses Muster hat einen Namen.

Was TACO bedeutet

Am 2. Mai 2025 prägte der Financial-Times-Journalist Robert Armstrong in seiner Kolumne "Unhedged" das Akronym TACO: Trump Always Chickens Out. Armstrong beschrieb damit ein Verhaltensmuster, das er bei Trumps Zollpolitik beobachtete. Die US-Regierung habe "keine hohe Toleranz für Markt- und Wirtschaftsdruck" und weiche "schnell zurück, wenn Zölle Schmerzen verursachen".

Der Begriff wurde zum Fachausdruck an der Wall Street. Der TACO-Trade funktioniert so: Aktien nach einer Zollankündigung billig kaufen, nach der unvermeidlichen Aussetzung oder Rücknahme mit Gewinn verkaufen. Als ein Reporter Trump im Mai 2025 bei einer Pressekonferenz auf den Begriff ansprach, nannte der Präsident die Frage "nasty" und wies den Vorwurf zurück.

Am 23. März 2026, Minuten nach Trumps Iran-Post, titelte Fortune: "Trump has TACO'd again, this time in Iran." Der S&P 500 legte innerhalb von Minuten um 2,7 Prozent zu. Die Dow-Futures stiegen um 1.100 Punkte. Das deutet darauf hin, dass Märkte Trumps Ankündigung nicht als diplomatischen Durchbruch lesen, sondern als weiteren Rückzug nach einem Muster.

Die Chronologie: Zölle gegen Kanada und Mexiko

Das TACO-Muster lässt sich an konkreten Episoden nachzeichnen. Die klarste stammt aus dem Frühjahr 2025.

Am 1. Februar 2025 unterzeichnete Trump drei Verfügungen über 25 Prozent Zölle auf alle Importe aus Mexiko und Kanada. Kanadisches Öl und Energie sollten mit 10 Prozent belastet werden. Inkrafttreten: 4. Februar. Einen Tag vorher, am 3. Februar, verhandelten beide Nachbarländer eine einmonatige Aussetzung. Am 4. März traten die 25-Prozent-Zölle dann tatsächlich in Kraft. Zwei Tage später, am 6. März, setzte Trump die Abgaben für Waren aus, die unter das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA fielen, befristet bis zum 2. April. Allerdings waren nur etwa 38 Prozent der kanadischen und 50 Prozent der mexikanischen Importe USMCA-konform. Der Rest blieb verzollt. Als Trump am 2. April die sogenannten "Liberation Day"-Reziprozitätszölle gegen fast alle Handelspartner verkündete, nahm er Kanada und Mexiko von den neuen Abgaben aus, die bestehenden 25-Prozent-Zölle auf nicht-USMCA-Waren blieben jedoch bestehen.

Zwischen der ersten Drohung und dem tatsächlichen Stand vergingen Monate. Am Ende blieb ein Bruchteil der ursprünglichen Ankündigung übrig. Die Märkte lernten, die Drohung einzupreisen, den Rückzug zu erwarten und davon zu profitieren.

Der Prototyp: Nordkorea 2017 bis 2019

Die Nordkorea-Episode liefert den vollständigen Zyklus des Musters, von der maximalen Eskalation bis zum behaupteten Erfolg ohne messbares Ergebnis.

Am 8. August 2017 drohte Trump Nordkorea von seinem Golfclub in Bedminster, New Jersey, mit "fire and fury like the world has never seen". Nordkorea antwortete mit der Drohung, die US-Basis auf Guam anzugreifen. Im September taufte Trump Kim Jong Un "Rocket Man". Am 28. November testete Nordkorea die Interkontinentalrakete Hwasong-15, die laut Analysten jeden Punkt der USA erreichen konnte.

Dann der Schwenk. Im März 2018 vermittelten südkoreanische Diplomaten ein Gesprächsangebot Kims. Trump akzeptierte. Am 12. Juni 2018 trafen sich beide in Singapur zum historischen Gipfel. Ein kurzes gemeinsames Dokument wurde unterzeichnet. Am 27. und 28. Februar 2019 folgte ein zweiter Gipfel in Hanoi, der ohne Einigung endete. Ein drittes Treffen fand am 30. Juni 2019 in Panmunjom an der innerkoreanischen Grenze statt.

Das Ergebnis: Kein einziger nordkoreanischer Sprengkopf wurde abgebaut. Nur zwei Monate nach dem Singapur-Gipfel bezeichnete die Internationale Atomenergiebehörde die Entwicklungen im nordkoreanischen Nuklearprogramm als "cause for grave concern". Schätzungen zufolge wuchs Nordkoreas Arsenal während der Diplomatiephase weiter. Trump erklärte die Gipfel dennoch zum Erfolg.

China-Zölle: Eskalation ohne Ende

Die Handelsauseinandersetzung mit China zeigt das Muster in gestreckter Form. Am 6. Juli 2018 verhängte die US-Regierung 25 Prozent Zölle auf chinesische Waren im Wert von 34 Milliarden Dollar, den ersten Teil eines 50-Milliarden-Pakets. Im August folgten weitere 16 Milliarden, im September 2018 dann 10 Prozent auf 200 Milliarden Dollar an Importen. China reagierte jedes Mal mit Gegenzöllen.

Am 15. Januar 2020 unterzeichneten beide Seiten das "Phase One"-Abkommen. China verpflichtete sich, über zwei Jahre zusätzlich 200 Milliarden Dollar an US-Gütern zu kaufen. Das Abkommen lief Ende 2021 aus. Laut Peterson Institute for International Economics (PIIE) hatte China je nach Berechnungsmethode nur 57 bis 62 Prozent der zugesagten Käufe getätigt. Die meisten Zölle blieben bestehen.

Das Muster in diesem Fall: Eskalation, dann ein behaupteter Deal, der die Eskalation nicht rückgängig macht und dessen Bedingungen nicht eingehalten werden.

Was wir nicht wissen

Die zentrale Frage der aktuellen Krise bleibt offen: Gab es tatsächlich Kontakte zwischen Washington und Teheran vor Trumps Ankündigung vom 23. März?

Trump sagte CNN, es gebe "15 Punkte der Übereinstimmung" mit Iran. Laut Axios verhandelten sein Nahost-Gesandter Steve Witkoff und sein Schwiegersohn Jared Kushner am Sonntagabend mit einer hochrangigen iranischen Seite. Vermittlerstaaten, darunter die Türkei, Ägypten und Pakistan, sollen Nachrichten zwischen den USA und Iran übermittelt haben. Ein Treffen in Islamabad sei in Planung gewesen, mit Ghalibaf und anderen Vertretern Teherans auf der einen, Witkoff, Kushner und möglicherweise Vizepräsident Vance auf der anderen Seite.

Iran bestreitet das alles. Kein unabhängiger Drittstaaten-Vertreter hat die Gespräche bislang bestätigt. Es ist dokumentiert, dass Backchannel-Kontakte zwischen Washington und Teheran historisch über Oman und die Schweiz liefen, etwa bei den Vorverhandlungen zum JCPOA 2012 und 2013. Ob solche Kanäle aktuell aktiv sind, lässt sich nicht verifizieren.

Unklar bleibt auch, ob Trump das TACO-Muster bewusst als Verhandlungsstrategie einsetzt oder ob es reaktiv entsteht, wenn sich die Konsequenzen seiner Drohungen materialisieren. Politikwissenschaftler der Brookings Institution und der RAND Corporation diskutieren beide Hypothesen, ohne zu einem Konsens zu kommen.

Was falsch kursiert

Drei Behauptungen dominieren die öffentliche Debatte. Keine ist durch unabhängige Quellen gedeckt.

Erstens: "Es gibt Gespräche zwischen den USA und Iran." Die einzige Quelle für diese Behauptung ist Trump selbst, ergänzt durch anonyme Regierungsquellen. Irans Regierung bestreitet sie. Die Vermittlerstaaten haben keine öffentliche Bestätigung abgegeben. Das macht die Behauptung nicht falsch, aber nicht verifizierbar.

Zweitens: "Iran hat sich bereit erklärt, Hormus zu öffnen." Dafür existiert keine Quelle. Weder Trump noch sein Umfeld haben behauptet, dass Iran einer Öffnung zugestimmt hat. Die Behauptung kursiert in sozialen Medien, hat aber keinen Ursprung in offiziellen Aussagen.

Drittens: "Es handelt sich um einen diplomatischen Durchbruch." Die Marktreaktion spricht eine andere Sprache. Fortune sprach von einem erneuten TACO-Moment. Die Rallye an den Börsen reflektiert nicht Vertrauen in einen Deal, sondern die Erwartung, dass eine Eskalation vorerst vermieden wurde.

Truth Social als Diplomatie-Kanal

Trump nutzt seine eigene Plattform als primären Kanal für außenpolitische Ankündigungen. Das 48-Stunden-Ultimatum an Iran wurde auf Truth Social veröffentlicht, in Großbuchstaben. Die Aussetzung der Militärschläge ebenfalls. Das ist kein Stilmittel, sondern hat messbare Konsequenzen.

Am 23. März fiel der Brent-Ölpreis nach Trumps Post um bis zu 14 Prozent im Tagesverlauf und schloss bei 99,94 Dollar pro Barrel, erstmals seit dem 11. März unter 100 Dollar. Zuvor hatte der Preis am Freitag über 112 Dollar gelegen. Der Preissturz betrug innerhalb von Minuten 17 Dollar pro Barrel.

Die Muster wiederholen sich. Bereits in seiner ersten Amtszeit bewegten Trumps Twitter-Posts Ölpreise und Aktienkurse. Der Unterschied: Auf Twitter gab es wenigstens eine externe Plattform mit Nutzungsbedingungen. Truth Social gehört Trump. Es gibt keine redaktionelle Prüfung, keinen Widerspruch, keinen Kontext. Ein Post wird zur Marktkraft.

Die New Republic stellte am 23. März die Frage, ob Trumps Ankündigung den Tatbestand der Marktmanipulation erfülle. Eine Antwort darauf gibt es bislang nicht.

Das innenpolitische Kalkül

Die Iran-Episode hat eine innenpolitische Dimension. Bis zum 20. März 2026 war der nationale Durchschnittspreis für eine Gallone Benzin in den USA auf 3,91 Dollar gestiegen, laut AAA der höchste Stand seit mindestens Herbst 2022. In einer Woche hatte der Preis um 27 Cent zugelegt, getrieben durch die Eskalation im Nahen Osten. In Kalifornien lag der Preis bei 5,34 Dollar.

Benzinpreise korrelieren in den USA historisch mit der Zustimmungsrate des Präsidenten. Gallup und Pew Research haben diesen Zusammenhang wiederholt dokumentiert. Irans eigene Analyse deutet in diese Richtung: Die iranische Regierung warf Trump am 23. März vor, sein Ultimatum habe "den Sinn, die Energiepreise zu drücken".

Das deutet darauf hin, dass der innenpolitische Druck durch steigende Benzinpreise ein Faktor für Trumps Kurskorrektur war. Belegen lässt sich das nicht. Aber das Timing, kurz nach dem stärksten Benzinpreisanstieg seit dreieinhalb Jahren, ist auffällig.

Warum Iran anders ist

Das TACO-Muster funktionierte bisher gegen Handelspartner. Kanada, Mexiko und China sind Volkswirtschaften, die mit den USA durch Handelsbeziehungen verflochten sind. Beide Seiten haben ein wirtschaftliches Interesse an einer Einigung.

Iran unterscheidet sich in drei Punkten. Erstens: Es gibt kein Handelsbeziehungs-Fundament. Die USA haben seit 1995 ein umfassendes Wirtschaftsembargo gegen Iran. Es gibt nichts, das beide Seiten wirtschaftlich aneinander bindet. Zweitens: Iran verfügt über militärische Kapazitäten zur Umsetzung seiner Drohungen. Die Straße von Hormus liegt in Reichweite iranischer Küstenraketen, Schnellboote und Drohnen. Ein Bluff lässt sich hier nicht schmerzfrei aufrechterhalten. Drittens: Die Eskalation betrifft eine globale Handelsroute. Eine Blockade der Straße von Hormus trifft nicht nur die USA und Iran, sondern den gesamten globalen Ölmarkt.

Ob das TACO-Muster unter diesen Bedingungen funktioniert, ist die offene Frage dieser Krise. Die bisherigen Zyklen bieten dafür keine Vorlage.

Sources:
  1. Trump, Donald: Truth Social Posts, 22.-23. März 2026
  2. Irans Außenministerium, Stellungnahme vom 23. März 2026 (Reuters, IRNA)
  3. Ghalibaf, Mohammad Bagher: Social-Media-Stellungnahme, 23. März 2026
  4. Armstrong, Robert: "Unhedged", Financial Times, 2. Mai 2025
  5. Fortune: "Trump has TACO'd again, this time in Iran", 23. März 2026
  6. Reuters, AP, CNBC, White House Fact Sheet: Chronologie der Kanada/Mexiko-Zölle, Februar bis April 2025
  7. White House Transcript: Trump-Äußerung "Fire and Fury", 8. August 2017
  8. US State Department: Singapur-Gipfel, 12. Juni 2018; Hanoi-Gipfel, 27.-28. Februar 2019
  9. IAEA: Board Report nach dem Singapur-Gipfel, August 2018
  10. Phase-One-Abkommen USA-China, 15. Januar 2020 (USTR); Peterson Institute for International Economics (PIIE), Phase One Tracker
  11. Axios: Witkoff/Kushner-Verhandlungen, 23. März 2026
  12. CNN: Trumps Aussage zu "15 Punkten der Übereinstimmung", 23. März 2026
  13. Bloomberg: Brent-Ölpreis-Entwicklung, 23. März 2026
  14. CNBC: Ölpreiseinbruch nach Trump-Ankündigung, 23. März 2026
  15. AAA Gas Prices: US-Benzinpreisdurchschnitt, März 2026
  16. EIA: US-Benzinpreisstatistik
  17. New Republic: "Was Trump's Big Iran Announcement Just a Ploy at Market Manipulation?", 23. März 2026
  18. Brookings Institution, RAND Corporation: Analysen zu Trumps Verhandlungsstrategie
  19. Congressional Research Service: US-Iran Handelsembargo seit 1995
  20. Arms Control Association: Chronologie der US-Nordkorea-Diplomatie
This article was AI-assisted and fact-checked for accuracy. Sources listed at the end. Found an error? Report a correction