Der Preis des Dialogs: Wie Deutschland eine Außenpolitik gebaut hat, die es nicht mehr rückgängig machen kann
Fünfzig Jahre SPD-Doktrin, 3,4 Milliarden Euro Handelsvolumen und eine Hamburger Bank erklären, warum Berlin noch redet, wenn andere längst zu Sanktionen greifen
7.200 deutsche Unternehmen besaßen 2016 aktive Handelslizenzen für Irangeschäfte, im Jahr nach der Unterzeichnung des Atomabkommens. Nicht siebentausend Exporteure von Datteln und Pistazien. Siebentausend Firmen, die Turbinen, Industriechemikalien, Präzisionswerkzeuge und Automobilteile in ein Land verkauften, das die meisten westlichen Regierungen drei Jahrzehnte lang als Pariastaat behandelten. Bis 2019, nachdem die USA aus dem JCPOA ausgestiegen waren und erneut Sekundärsanktionen verhängt hatten, waren weniger als 500 übrig.
Dieser Einbruch - von 7.200 auf unter 500 in drei Jahren - erklärt mehr über Deutschlands Iranposition als jede Rede, die Frank-Walter Steinmeier jemals gehalten hat.
Brandts langer Schatten über dem Auswärtigen Amt
Wenn deutsche Kommentatoren Steinmeiers Haltung zum Irankrieg diskutieren, rahmen sie es gern als persönliche Überzeugung. Das ist es nicht. Es ist geerbte Doktrin.
Willy Brandt startete die Ostpolitik 1969 auf einer Prämisse, die Egon Bahr in vier Worte komprimierte: Wandel durch Annäherung. Die Idee war trügerisch einfach. Wenn du den Sowjetblock nicht militärisch besiegen konntest, ohne eine nukleare Vernichtung zu riskieren, konntest du ihn durch wirtschaftliche und kulturelle Verflechtung transformieren. Mach die andere Seite abhängig von Kooperation, und irgendwann wird Kooperation zum Eigeninteresse.
Die Doktrin funktionierte - oder schien zu funktionieren - spektakulär. Der Moskauer Vertrag von 1970, der Grundlagenvertrag mit der DDR 1972 und die Schlussakte von Helsinki 1975 schufen einen Rahmen, der zur letztlich friedlichen Auflösung des Sowjetblocks beitrug. Innerhalb der SPD wurde dieser Erfolg zum Verfassungsgut. Dialog war nicht bloß eine Taktik. Er war Identität.
Helmut Schmidt trug die Fackel durch den NATO-Doppelbeschluss der frühen 1980er Jahre und bestand auf Verhandlungen, selbst als Pershing-II-Raketen auf deutschem Boden stationiert wurden. Gerhard Schröder trieb die Doktrin zu ihrem extremsten Ausdruck mit Russland, baute persönliche Beziehungen zu Wladimir Putin auf und wechselte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft in den Vorstand der Nord Stream AG. Jede Generation wandte dieselbe Schablone an. Jede Generation glaubte, sie werde diejenige sein, die beweist, dass Handel zivilisiert.
Frank-Walter Steinmeier erbte diesen Apparat in seinem selbstbewusstesten Zustand. Als Schröders Kanzleramtschef von 1999 bis 2005 beobachtete er die Russland-Annäherungspolitik von innen. Als Außenminister von 2005 bis 2009 setzte er sie um. Als er 2013 ins Auswärtige Amt zurückkehrte, traten die Iran-Atomverhandlungen in ihre entscheidende Phase, und Deutschland brauchte genau die Art von geduldigem, dialogorientiertem Diplomaten, die die SPD seit vierzig Jahren hervorbrachte.
Das JCPOA und Deutschlands Platz am großen Tisch
Deutschlands Präsenz im P5+1-Format war keine Höflichkeit. Unter den europäischen Verhandlern trug Berlin einzigartiges Gewicht, weil seine Wirtschaftsbeziehung mit dem Iran die größte auf dem Kontinent war. Frankreich hatte die Ölinteressen von Total. Großbritannien hatte Bankverbindungen. Deutschland hatte ein ganzes industrielles Ökosystem.
Steinmeier nahm persönlich an den letzten Verhandlungsrunden in Wien teil. Als das JCPOA am 14. Juli 2015 unterzeichnet wurde, war es die vollständigste Bestätigung der Brandt-Doktrin seit dem Fall der Berliner Mauer: ein verifizierbares Abkommen mit einem Gegner, erreicht durch multilaterale Diplomatie und wirtschaftlichen Hebel, ohne einen einzigen Schuss.
Für deutsche Außenpolitikfachleute war das JCPOA nicht nur ein Abkommen über Zentrifugen. Es war der Beweis, dass ihre Methode auch jenseits Europas funktioniert. Das Trauma von Trumps Ausstieg im Mai 2018 war proportional zu dieser Investition. Es zerstörte nicht nur einen Deal. Es zerstörte Bestätigung.
EIH Hamburg: Die finanzielle Schaltzentrale
Keine Institution verkörpert Deutschlands Iran-Verstrickung präziser als die Europäisch-Iranische Handelsbank, eingebettet in Hamburgs Deichtorstraße. 1971 gegründet - im selben Jahr, in dem Brandt den Nobelpreis erhielt - wurde die EIH zur einzigen verlässlichen Finanzbrücke zwischen deutscher Industrie und dem iranischen Markt.
Als internationale Banken sich unter Sanktionsdruck in den 2000er Jahren aus dem Irangeschäft zurückzogen, blieb die EIH. Sie wickelte Zahlungen ab, die kein anderes europäisches Institut anrühren wollte. Das machte Hamburg zum faktischen Finanztor für den europäisch-iranischen Handel. Die Bilanzsumme der Bank in ihren Spitzenzeiten spiegelte das Gewicht einer ganzen bilateralen Beziehung wider.
Die EU sanktionierte die EIH 2011 wegen Verbindungen zu Irans Proliferationsfinanzierung. Die Sanktionen wurden 2016 aufgehoben, nachdem das JCPOA in Kraft getreten war. Nach dem US-Ausstieg verdampfte das Geschäft - nicht weil die EU Sanktionen wieder einführte, sondern weil amerikanische Sekundärsanktionen jede Dollar-denominierte Transaktion toxisch machten. Die Laufbahn der EIH ist die gesamte deutsch-iranische Beziehung im Miniaturformat: über Jahrzehnte aufgebaut, reguliert, rehabilitiert, dann innerhalb von Monaten durch eine Entscheidung aus Washington zerstört.
3,4 Milliarden Euro und die Interessengruppen, die sie schufen
Auf dem Höhepunkt 2017 erreichte der bilaterale Handel rund 3,4 Milliarden Euro. Deutschland exportierte in jenem Jahr Maschinen im Wert von über 1,2 Milliarden Euro in den Iran. Siemens hatte Turbinenverträge. BASF lieferte Chemikalien. Daimler und Volkswagen positionierten sich für den iranischen Automobilmarkt, der durch Jahrzehnte der Isolation ausgehungert war.
Das waren keine spekulativen Unternehmungen. Deutsche Firmen hatten jahrelang in Compliance-Strukturen, lokale Partnerschaften und Marktforschung investiert. Der Nah- und Mittelost-Verein (NUMOV), Deutschlands älteste Nahost-Wirtschaftsvereinigung, 1934 gegründet, lobbyierte im Bundestag für Handelserleichterungen. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) organisierte Iran-Handelsdelegationen. Das Auswärtige Amt unterhielt eine eigene Iran-Koordinierungsstelle.
Wenn der Handel einbricht, zerstreuen sich die Lobbyisten, und die Koordinierungsstellen schrumpfen. Aber der institutionelle Reflex bleibt bestehen. Die Iran-Expertise des Auswärtigen Amts ist nicht verschwunden. Die diplomatischen Kontakte blieben warm. Die Überzeugung, dass Engagement der Isolation vorzuziehen ist, blieb in der bürokratischen DNA verankert.
Die Russland-Parallele, die Deutschland nicht zu Ende denkt
Die unbequeme Wahrheit ist, dass Deutschland dieses Experiment bereits durchgeführt und beim Scheitern zugesehen hat. Die Wandel-durch-Handel-Doktrin mit Russland erzeugte drei Jahrzehnte zunehmender Energieabhängigkeit. Bis 2021 kamen rund 55 Prozent des deutschen Erdgases aus russischen Pipelines. Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, war Berlins Reaktion genau deshalb zögerlich, weil die Kosten einer Konfrontation so konstruiert worden waren, dass sie prohibitiv wirkten.
Olaf Scholz rief die Zeitenwende aus. Die SPD räumte auf ihrem Parteitag 2022 ein, dass die Russland-Annäherungspolitik ausgenutzt worden war. Nord Stream 2, das Steinmeier als Außenminister befürwortet hatte, wurde zwei Tage vor der Invasion gestoppt.
Aber eine vergleichbare Aufarbeitung hat für den Iran nicht stattgefunden. Die SPD behandelt das JCPOA als einen Erfolg, der durch amerikanischen Unilateralismus sabotiert wurde, nicht als Beispiel derselben strukturellen Verwundbarkeit, die Russland offengelegt hat. Die Lektion aus Moskau - dass wirtschaftliche Verflechtung Abhängigkeit erzeugen kann, ohne Wandel zu bewirken - wurde nicht formell auf Teheran angewandt.
Der Parlamentsvorbehalt als strukturelle Bremse
Selbst wenn sich die deutsche Politik in Richtung einer konfrontativeren Iranpolitik verschieben würde, setzt die Verfassung Grenzen. Der Parlamentsvorbehalt, durch Urteile des Bundesverfassungsgerichts 1994 begründet und seitdem präzisiert, verlangt die Zustimmung des Bundestags für jeden Einsatz der Bundeswehr. Das ist keine Formalität. Die Bundestagsdebatte 2003 über eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg zeigte, dass parlamentarische Zustimmung für Militäreinsätze im Nahen Osten keineswegs garantiert ist.
Diese verfassungsrechtliche Schranke verstärkt den diplomatischen Reflex. Wenn militärische Optionen eine Bundestagsmehrheit erfordern, ist der Weg des geringsten Widerstands immer Verhandlung. Der Parlamentsvorbehalt macht Deutschland nicht pazifistisch. Er macht Deutschland strukturell langsam in der Eskalation, was in der Praxis bedeutet, dass Dialog auch dann die Standardoption bleibt, wenn die strategische Logik dafür erodiert ist.
Steinmeiers Position zum Irankrieg wird durch diese Zahlen und Strukturen lesbar. Sie ist nicht persönlich. Sie ist nicht naiv. Sie ist das Produkt von fünfzig Jahren institutioneller Investition, Milliarden an bilateralem Handel, einem Verfassungsrahmen, der Eskalation bremst, und einer Parteitradition, die Dialog als Identität behandelt statt als Taktik. Ob sich Deutschland diese Position nach dem Russland-Präzedenzfall noch leisten kann, ist die Frage, die die SPD bisher nicht beantwortet hat.
- Statistisches Bundesamt, bilaterale Handelsdaten Deutschland-Iran 2010-2023
- DIHK (Deutsche Industrie- und Handelskammer), Iran-Handelsberichte
- EU-Ratsbeschlüsse zu EIH-Sanktionen (2010/413/GASP Rahmen; EIH-Listung 2011; Aufhebung 2016)
- JCPOA-Text und Resolution 2231 des UN-Sicherheitsrats (2015)
- Bundestag Wissenschaftliche Dienste, Analysen zum Parlamentsvorbehalt
- Bundesverfassungsgericht, Urteil zu Auslandseinsätzen (BVerfGE 90, 286, 1994)
- BMWK (Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz), Iran-Handelsstatistiken
- NUMOV-Jahresberichte
- SPD-Parteitagsbeschlüsse, 2022
- Friedrich-Ebert-Stiftung, Papiere zur außenpolitischen Tradition der SPD